Provence 2004

6. - 16. April

Die Provence gehört zu den ältesten Kulturlandschaften Europas.
Gleichzeitig ist sie der Inbegriff mediterraner Natur und Landschaft.
Maler und Schriftsteller haben sich von ihr inspirieren lassen -
 von ihrem Duft und ihren Farben und vor allem von ihrem Licht. 

In der Garrigue von Eygaliéres, 20 km östlich von St. Rémy-de-Provence, liegt die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kapelle Sainte-Sixte.
Nur wenige 100m davon entfernt fanden wir eine kleines Haus, in dem wir uns sehr wohl fühlten und von dem aus wir die Provence erkundeten.

"La Garrigue des Alpilles" entdeckten wir wenige Tage zuvor im Internet - ein kurzer Anruf bei Madame Soumille und unser Provence-Urlaub war gebongt. Nach 9-stündiger Fahrt sind wir doch froh, nicht noch ein Quartier suchen zu müssen. Das im provencalischen Stil gebaute kleine Chalet ist für uns genau richtig. Vor dem Schlafzimmerfenster blüht ein Apfelbaum.

 

Auf dem großen Grundstück stehen Oliven- und Apfelbäume und - was den Botaniker besonders freut - mehrere Orchideenarten (linkes Bild, Vordergrund). Überall treffen wir auf Gruppen der Spinnenragwurz (Ophrys shegodes). Mit ihrer Blüte (rechtes Bild), die eine Spinne oder ein Insekt imitiert, lockt diese kleine Erdorchidee Insekten zur Bestäubung an.

Überall an den Wegen und in der Garrigue findet man reichlich Rosmarin (links). Die prächtige Barlie (Barlia robertiana), eine stattliche Erdorchidee, blüht in mehreren Gruppen auf dem Grundstück. Die rotvioletten, fleischigen Blüten (rechts) verweisen auf die Verwandtschaft zum Knabenkraut.

Nach einem Ruhetag, an dem wir das reizende Eygaliéres und seine Umgebung kennen lernen, erkunden wir die Hügel und Dörfer des Luberon. Über die Brücke Pont Julien (aus dem Jahre 3 v. Chr.) rollt heute noch der Verkehr.

Weltbekannt sind die Ockerbrüche von Roussillon. Ocker - das sind alle Farbschattierungen zwischen leuchtend gelb über rötlichbraun bis dunkelbraun. Das frische Grün der Kiefern steht in reizvollem Kontrast zu den Farben des Ockers.

Gordes quillt über von Touristen - so ersparen wir uns einen Bummel durch das berühmte provencalische Dorf und besuchen die Zisterzienserabtei von Senanque, nur weinige Kilometer entfernt. Dieses Kloster, in einem tief eingeschnittenen Tal gelegen, wurde 1148 von Mönchen gegründet, in den Religionskriegen 1544 zerstört und während der franz. Revolution als Nationaleigentum verkauft. Seit 1988 besteht wieder eine kleine Mönchsgemeinschaft. 

Im schlichten, schmucklosen Kreuzgang spürt man die Stille, aber auch die Strenge und Kargheit des Klosterlebens. Das Kircheninnere  ist eiskalt; so zieht es Moni vor, zwischen romanischen Rundbögen am Rande des Klostergartens ein paar Sonnenstrahlen einzufangen.
Südlich von Eygalières, zwischen Arles im Westen und Cavaillon im Osten, erheben sich "Les Alpilles", eine Kalksteinkette von 300 - 400m Höhe.  Hier wachsen Ziestrosen, Wolfsmilchgewächse und blaue Strohblumen.
Berühmtester Ort der Alpilles ist zweifellos "Les Baux". Wegen des Osterrummels ziehen wir es vor, das Panorama von einem der Aussichtspunkte der Umgebung aus zu genießen. Südlich der alten Burg, auf der im Hohen Mittelalter Troubadoure den Minnesang pflegten, erstreckt sich die einzigartige Steinwüste "La Crau". Am Horizont erkennt man das Meer, die Salinen von Salin-de-Giraud und die Sümpfe der Camargue.

Tags darauf, am Samstag vor Ostern, besuchen wir Les-Saintes-Maries-de-la-Mer und die Camargue. Abseits der Touristenscharen bebachten wir Reiher, Stelzenläufer und die eleganten Flamingos, die sich zwischen Reitergruppen am Rande der Brackwassersümpfe präsentieren.

Ostern verbringen wir in Arles. Da hier gerade eine viertägige Feria (Stierkämpfe nach "spanischer" Art) stattfindet, ziehen Tausende aficionados durch die Straßen, begleitet von kostümierten Guggenmusikern - ein bisschen wie bei der Fasnet in Überlingen. 

Die Straßencafes sind überfüllt und überall wird im Freien in riesigen Pfannen Paella gekocht. Später treiben Reiter (und Reiterinnen) aus der Camargue Stiere durch die Straßen - ein Hauch von Pamplona!

Wir entdecken aber auch ruhigere Ecken. Gleich beim Hôtel der Ville gibt es aus Anlass der Feria eine Gemäldeausstellung. "Europa und der Stier" - gemalt mit Stierblut - hat uns ganz gut gefallen. 

Das herrliche Portal der romanischen Église Saint-Trophime gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO und wurde in jahrelanger Arbeit aufwändig restauriert. Jetzt erstrahlen die Symbolfiguren der 4 Evangelisten wieder in hellen Tönen. 
In dieser Kirche empfing Kaiser Friedrich Barbarossa 1178 die Königskrone von Arles.

Zur Kirche gehört auch ein romanischer Kreuzgang, sicher der schönste in der Provence. Reich mit Blattwerk verzierte Kapitelle und wunderschöne Eckpfeiler mit großen Figuren und Reliefs stammen aus dem 12. und 14. Jahrhundert.

Die "Calanques" zwischen Cassis und Marseille bilden ein zerklüftetes, vor Jahrmillionen im Meer versunkenes Karstgebirge mit fjordartigen, azurblauen Buchten. Hier wandern wir über steinige Ebenen, folgen den wasserlosen Tälern bis zum Meer und klettern anschließend wieder die fast senkrechten Wände auf das 300m hohe Plateau.

An steilen sonnigen Felswänden finden wir den Schriftfarn (Ceterach) und die Felsenbirne (Amelanchier).
Die braune Ragwurz (Ophrys fusca) wächst in der Macchie zwischen Rosmarin, Mastixstrauch und Kermeseichen.

Am Osterdienstag besuchen wir einen Gottesdienst an der Kapelle Saint-Sixte. In einer kleinen Prozession haben die Bewohner von Eygaliéres eine Skulptur des heiligen Papstes zur Kapelle getragen. Im Windschatten der Kirchhofsmauer - geschützt vor dem eiskalten Mistral - zelebrieren mehrere Priester eine Hl. Messe in provencalischer Sprache. 

Frauen in alten Trachten, mit beeindruckenden Hauben und aufgesteckten Frisuren begleiten den Gottesdienst mit provencalischen Liedern. Später spielen zwei Musikanten mit Einhandflöte und Trommel zum Tanz auf der Wiese vor der Kapelle.

"Moulin de Daudet", Daudet's Mühle steht unweit von Fontvieille an einer herrlichen mit Pinien besäumten Straße. Sie ist für Literaturfreunde eine Art Wallfahrtsort, soll doch Alphonse Daudet (1840-1897) hier seine berühmten "Briefe aus meiner Mühle" geschrieben haben.

Tatsächlich hielt sich Daudet oft bei Freunden auf dem nahen Chateau Montauban auf. Seine Briefe schrieb er in Paris.

Unbestritten ist der herrliche Ausblick von der Mühle über die provencalische Landschaft: die Alpilles, die Schlösser von Baucaire und Tarascon, das Rhonetal und die Abtei Montmajour.

An einem der letzten Urlaubstage bummeln wir in Aix-en-Provence über den prachtvollen "Cours Mirabeau" und genießen auf den Plätzen der Altstadt den mediterranen Zauber dieser Stadt.
Später besuchen wir Ventabren und unsere Freunde in Coudoux, der Partnergemeinde von Owingen.

Die "Fontaine de Vaucluse", die nahe Cavaillon dem Luberon-Gebirge entspringt, ist eine der größten Karstquellen der Welt. Bis zu 150 cbm pro Sekunde wurden hier schon gemessen. In einer von dem Fluss Sorgue angetriebenen Papiermühle wird heute noch nach altem Verfahren handgeschöpftes Büttenpapier hergestellt.
Nicht weit davon nähert sich uns ein zutrauliches Rotkehlchen.


Es lebe das Alte Europa!

HOME