oder
Vögel beobachten - mehr als ein faszinierendes Hobby
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Ein
warmer Frühsommermorgen am "Andele",
dem Andelshofer Weiher bei Überlingen. Ein Rohrspatz (der Teichrohrsänger)
schimpft pausenlos vor sich hin, ein Zwergtaucherpärchen füttert seine
Jungen, ein Flußuferläufer fliegt mit zuckendem Flügelschlag auf, zwei
Reiher streichen davon. Ich setze das Fernglas ab. Eigentlich kein
besonderer Tag - "ornithologisch" gesehen. Und doch ist mir bewusst,
dass nur wenige Menschen ihren Arbeitstag mit einem derart tiefen Eindruck
beginnen können. - Kolbenenten ziehen ruhig zur Seemitte; wenige Minuten
später bin ich an meinem Schreibtisch im Bodenseewerk. "Ornithologie" - die Lehre von den Vögeln - oder einfach
"Vogelbeobachtung" ist mehr als ein Hobby; es ist seit vielen
Jahren ein Stück meines Lebens: Eines Tages - genau am 17. 7. 1960 -
beginnt der 16-jährige Gymnasiast, von der Haustüre weg, jeden Vogel,
den er sieht, aufzuschreiben: Amsel, Mauersegler, Buchfink und Star.
Schnell ist ein Dutzend Arten beieinander; am 31. Dezember desselben
Jahres sind es genau 57 Vogelarten. Heute notiert der Fünfzigjährige
mehr als 300 verschiedene europäische Vogelarten, beobachtet an Küsten,
Seen, Sümpfen, Steppen, im Wald oder im Hochgebirge, irgendwo zwischen
Lappland und Kreta. Weltweit gibt es etwa 8600 Vogelarten, in Europa mehr
als 400, am Bodensee immerhin noch etwa 230 Arten. "Amsel,
Drossel, Fink und Star" - jedes Kind kennt das Lied, aber nur jeder
zehnte Erwachsene kennt mehr als 20 heimische Vogelarten. Dabei sind Vögel
omnipräsent - es ist die am häufigsten zu sehende Tierklasse. Greifvögel
am Mittagshimmel, Nachtigallen oder Eulen um Mitternacht, nordische
Seidenschwänze im bitterkalten Winter, Bienenfresser im Hochsommer - der
Ornithologe hat Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit Gelegenheit, seinem
Hobby nachzugehen. Kein Spaziergang ohne Fernglas (lieber 8 x 25 als 10 x
50), kein Urlaub ohne Spektiv (30 x 60) - selbst auf Dienstreisen wird
fast automatische jede Art registriert, zumindest wahrgenommen. "Birdwatching"
oder kurz „Birding“,
wie das in England sehr verbreitete Hobby heißt, ist so alt wie der
menschliche Traum vom Fliegen. Die scheinbare Schwerelosigkeit des
Gleitflugs, die kraftvolle Dynamik des Schlagflugs haben die Menschen seit
der Antike fasziniert und zu vielen vergeblichen Nachahmungen - von Dädalus
und Ikarus bis zum "Schneider von Ulm" - motiviert. Diente im
alten Rom noch die Beobachtung und Deutung des Vogelflugs den Auguren (=
Aviguren, Vogelschauern) zu mancherlei politischen Ränkespielen, so wurde
sie von Kaiser Friedrich II schon wesentlich ernsthafter betrieben: In
seinem Buch "De arte venandi
cum avibus" (Über
die Kunst, mit Vögeln zu jagen) findet sich bereits eine Fülle
exakter naturwissenschaftlicher Beobachtungen. Auch Leonardo
da Vinci studierte die Bewegungen der Vögel und ließ sich von ihnen
zu seinen berühmten Entwürfen von Flugapparaten, Hubschraubern und
Fallschirmen animieren. Otto Lilienthals 1889 erschienenes Buch
"Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" ist das
historische Standardwerk der Flugzeugentwicklung und steht am Anfang einer
atemberaubenden Evolution vom Hanggleiter zum modernen Airbus. Längst hat
sich die Entwicklung von Flugzeugen und Flugkörpern verselbständigt und
kaum jemand denkt heute daran, dass am Anfang das Studium des Vogelflugs
stand. Dabei sind gerade die technischen Daten unserer Vögel besonders
faszinierend: Spannweite
von 5 cm (Kolibri) bis 350 cm (Albatros), Gewicht
von 2,5 Gramm (Kolibri) bis 12 kg (Trompeterschwan), Flügelfrequenz
von 0 Hertz (beim Gleit- und Thermikflug) bis 25 Hertz (Rotschwänzchen)
oder gar 80 Hertz (Kolibri). Ein leichtes, stabiles und doch flexibles Skelett,
ein flugstabilisierender Hals,
ein mächtiger Brustmuskel und schließlich das Wunderwerk Feder
(Eine Taubenfeder besteht aus mehr als 250000 "Strahlen",
das sind 500 "Äste" zu je 500 "Strahlen"!) Mehr
noch als die Daten der "Hardware"
unserer Vögel erstaunen den Beobachter die damit vollbrachten
fliegerischen Leistungen: Vom Gleitflug
(Storch: Gleitzahl 10, Albatros: Gleitzahl 20) über den thermischen
Segelflug (Greife und Störche fliegen von Europa nach Zentralafrika fast
nur gleitend!) und den dynamischen
Segelflug des Albatros (Stunden- und tagelang gleitet er ohne Flügelschlag
und ohne Thermik unter Ausnutzung der Winde in Wellennähe!) bis zum Schlagflug
des Kolibris (Dieser fliegt mit 80 Flügelschlägen pro Sekunde non-stop
800 km über den Golf von Mexiko und verliert dabei 2 Gramm seines
Startgewichtes von 4,5 Gramm!) zeigen
Vögel eine ganze Palette von Varianten, sich im Medium Luft zu bewegen. Als
Naturbeobachter, Ingenieur und Informatiker faszinieren mich persönlich
jedoch am meisten die navigatorischen Leistungen der Zugvögel. Während Aristoteles
noch vermutete, Zugvögel würden einen Winterschlaf machen und noch Carl
v. Linne im 18. Jahrhundert glaubte, dass Schwalben den Winter im
Sumpf verbringen, weiß die moderne Vogelzugforschung mit weltweit mehr
als 1 Million Beringungen und Tausenden von Ringfunden mehr. Dazu einige
Tatsachen, die aus einem "Guinness-Buch der Vogelwelt" stammen könnten: |
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Unsere Rauchschwalbe
besucht nicht nur Jahr für Jahr den gleichen Ast auf dem gleichen Baum
an einem Nebenfluß des Kongo; sie findet ebenso sicher wieder zurück
in den oberschwäbischen Kuhstall, in dem sie zur Welt kam. ·
"Weltmeister"
unter den Zugvögeln ist die Küstenseeschwalbe.
Sie brütet im kurzen arktischen Sommer z.B. in Nordgrönland (82 º
Nord), überquert den Nordatlantik, bummelt dann in 3 Monaten an der
Westküste Afrikas nach Süden und verbringt den Winter im antarktischen
Sommer, indem sie die Antarktis umrundet, bevor sie wieder ihre Reise
nach Norden antritt. Fast 40.000 km hat sie dann zurückgelegt und ist
damit wahrscheinlich dasjenige Lebewesen, das in seinem Leben am meisten
Sonnenschein erlebt. ·
Der Steinschmätzer brütet
in Grönland und überwintert in der südlichen Sahara; dabei ist er 8
Monate im Jahr unterwegs. ·
Pfuhlschnepfen fliegen von
Nordostsibirien nach Neuseeland. ·
Schneegänse überqueren in
9500 m Höhe den Himalaya. ·
Blaugänse legen die 2700
km von der Hudson-Bay nach Louisiana in 60 Stunden zurück. ·
Amerikanische
Goldregenpfeifer fliegen jedes Jahr 4000 km non-stop von Alaska nach
Hawaii und müssen dabei die kleine Inselgruppe "treffen". Eigentlich
sind es auch die Zugvögel -
immerhin 70% unserer Brutvögel - die
den Jahresrhythmus des Ornithologen bestimmen: Wenn im Februar die
ersten Feldlerchen zurückgekehrt sind wird es spannend: Fast jede Woche
sind neue Zugvogelarten aus dem Süden zu erwarten und natürlich wird
über jede Art genau Buch geführt. So läßt sich fast auf den Tag
genau vorhersagen, wann ein bestimmter Zugvogel aus dem Süden zu
erwarten ist (Zum Beispiel beobachte ich seit Jahren, daß der Zilpzalp
genau am 10. oder 11. März nach Überlingen zurückkehrt). Wenn wir
Ende April erfreut den Kuckuck begrüßen, sind schon fast alle Zugvögel
da. Der letzte Rückkehrer aus Afrika ist der Mauersegler; er ist auch
der erste, der Ende Juli plötzlich wieder "fehlt".
Und bevor man noch mit einiger Wehmut das nahe Ende des Sommers
registriert, sind schon die ersten Gäste aus dem Norden da: Schnepfen,
Regenpfeifer, Brachvögel bevölkern die Schlick- und Schlammfächen des
Wollmatinger Riedes oder des Rheindeltas.
Denn was Afrika für unsere Störche, Greif- und Singvögel ist, das ist
Mittel- und Südeuropa für Schnepfenarten, Möven, Enten und Schwäne.
Im Herbst geht es dann Schlag auf Schlag: Zu Tausenden fallen Enten aus
Skandinavien oder Möven aus dem Baltikum auf dem See ein und liegen
dort in großen Schwärmen bis ins nächste Frühjahr. Auch
am "Andele" ist dann
fast täglich Interessantes zu beobachten: Nach Mücken jagende
Trauerseeschwalben, am Ufersaum stochernde Limikolen (=Schnepfen), ein
Trupp "sabbernder" Löffelenten, vereinzelte
Schwarzhalstaucher, darüber Schwärme nach Süden eilender Finkenvögel
und Drosseln. Anfang Oktober kann man den Fischadler an den Salemer
Klosterteichen beobachten. Wenn dann im November Singschwäne aus
Skandinavien und Russland laut rufend im Flachwasser vor dem Eriskircher
Ried einfallen, neigt sich ein ereignisreiches Vogeljahr dem Ende
entgegen. Mit
Insekten und Fledermäusen haben die Vögel das Fliegen gemein, wobei
sie die Evolution am weitesten vorangetrieben haben. Was Vögel jedoch
so einzigartig im ganzen Tierreich macht, ist ihr Gesang.
Er ist nicht nur der schönste, sondern auch der anspruchsvollste Aspekt
bei der Vogelbeobachtung - vielleicht wurde seinetwegen die Ornithologie
früher als "Scientia
amabilis", als liebenswerte Wissenschaft bezeichnet. Wenn im
zeitigen Januar die Kohlmeisen zum ersten Mal "klingeln" (zi-zi-bää),
klingelt's auch beim Ornithologen: Plötzlich hört er an allen Ecken
und Enden Balz- und Reviergesänge,
dazu Lock-, Warn- und Zugrufe. Einfach
sind noch die typischen Frühjahrsgesänge, der Schlag des Buchfinken
("Bin ich nicht ein schöner Gardeoffizier ?"), das Lied der
Goldammer ("Ich, ich, ich, ich hab' Dich lieb!"), die Rufe von
Pirol und Zilpzalp. Anspruchsvoller dann schon die Laub- und Rohrsänger,
die Grasmücken. Jeder Laut, jeder Pfiff wird registriert, analysiert,
verglichen, eingeordnet. Auf einem Spaziergang ums Bodenseewerk in der
Mittagspause lassen sich an einem Frühlingstag (mit geschlossenen
Augen, aber offenen Ohren) mühelos ein Dutzend Vogelarten
unterscheiden. Erst
im November wird es ruhig in der Vogelwelt - es sei denn Bergfinken
fallen ein oder Seidenschwänze aus dem hohen Norden. Wenn dann
draußen die Stille einkehrt, lege ich mir manchmal eine CD auf
und während "LUSCINIA MEGARHYNCHOS - Der Gesang der
Nachtigall" durchs Haus tönt, schlafe ich ein und träume von
einem neuen Frühling. |
aus "die
klammer 2/95" Werkszeitschrift der
Bodenseewerk Gerätetechnik GmbH Überlingen
von Wolfgang G. Rauneker, 1995